Norbert Marohn

Das Mikrofon ist meins. Aa­aaah! Ich treib den
Rhythmus, die Gruppe. Und Stones! I can't get no. Wie Mick.
Ins Fleisch. Satisfaction. Der Junge sitzt auf dem Stuhl, als wär
kein Saal zwischen uns. And I try. Der abschätzige Blick. Der
Junge steht vor der Garderobe. Ihn einholen. Draußen.
Die Leute! Der Junge läuft auf der andern Seite. Ihn einholen.
Sein schmaler Rücken, die Schul­tern. Ihn einholen! Schneller
laufen. Die Schultern. Der Rücken, der mich auf Abstand hält.
Der Junge, der jetzt zurückkommt? Die Augen für den
Moment neben mir. Erinnrung, verwachsne, wo Kindheit
gewesen sein muß. Ich war sechzehn. Damals.
 



Eine Hauptfigur, der Journalist Grodek, über sich selbst:
   "Dafür stand im Zeugnis Gesamtverhalten. Ich hatte
immer eins. Mein verhaltnes Ich. Halt ich mich zurück,
hältst du mir nichts vor. Guten Morgen! Die Nachrichten
... Dabei mach ich mit, meine öffentliche Arbeit. Mich
verhalten. Irrsinnigerweise ist es wiederum das, was mich
auch stabil macht. Keine Erlebnisse, aber Ergebnisse.
Der Sozialismus siegt. Eine Innenwelt: das Gefühl für
mich selbst, das immer genauer wird."



 

      Kindheit war, wo ich gehorchte. Im Äußern bleiben. Ohne zu
     
wissen, wie Jungen sich aufeinander einlassen. Ich wusste nicht
     
einmal, dass ich mich sehnte nach Jungen.
Erdmann hat sich nach München abgesetzt, bedient in einer Kneipe,
wo er zwischen Jungen und Stammgästen zu vermitteln lernt.
Jacqueline, hinter einer Hotelrezeption, sehnt sich nur nach Ruhe.
Herr Kirschbaum bleibt der Einzige, der sich in beiden
Etablissements sehen lässt.
       München ist eine Stadt, die gern von hinten kommt.
Zwei Jungmünchner tauchen auf – wie schafft es Benny, alle
durcheinander zu bringen?
Noch vier Tage bis zur Hochzeit. Noch drei. Noch zwei. Jacqueline
will, doch will Herr Kirschbaum sie noch heiraten? Sie macht sich
dorthin auf, wo sie die Lösung vermutet: in einer Schwulenkneipe.
     „Wollen Sie München unsicher machen?“
 

 

1989 schieben sich die Zeiten ineinander – vorübergehend.
Vom Winter, in dem noch keiner an das Ende des Sozialismus dachte,
bis zum beginnenden Zusammenbruch im Oktober-November:
WIE NIE ZUVOR beschränkt sich nicht auf den Demonstrationsherbst
in Leipzig. Erzählt wird vom ganzen Jahr 1989, vom ›ganz normalen‹ Leben:
Es reicht vom Volkseigenen Betrieb bis zum Alltag der ›Parteiarbeit‹, bis

 hin zur Liebe unter Männern. Wie schlagen ›unsere Menschen‹ sich durch,

 nicht zuletzt Jugendliche und ›Asoziale‹? Abgeschottetes Denken bricht auf,

 abgezirkelte Lebenskreise nähern sich an – die Zeit ist auf der Straße. Ein

 Jahrhundert marschiert.

 Ich bin viele, gelegentlich alle, so der Autor Norbert Marohn.

Seit vier Jahren fahre ich, in Gedanken, in die Holsteinstraße: um mich
doch auf ihn einzulassen. Gründe kamen, Gründe gingen. Frühlinge
kamen, gingen. Eine Erfahrung kam und verging nicht, weil ich nicht
wollte, dass es meine eigene war: Vergangenheit aus dem letzten Loch.
Asche zu Asche. Ich träume immer noch von der Armee. Ich weiß, jetzt,
dass es einen Unterschied gibt zwischen Erinnerung und Erfahrung.
Erinnerung stellt sich ein, Erfahrung verdichtet sich. Wen vergesse ich,
wen nie? Die wenigen, die an mir festhielten, waren nicht die, nach denen
ich mich sehnte. Ein Klang, der sich warm um dich legt wie ein Körper.
Der dich von hinten festhält, dir die Augen zuhält und du weißt: Der.
Den hast du gut.

Zeitgeschichte

Bisher war im deutschsprachigen Raum über einen
einzigen führenden Nationalsozialisten keine Biografie
veröffentlicht – über Ernst Röhm. Warum?
Wie wird aus dem Sohn eines Münchner Eisenbahn-
Oberinspektors der Stabschef von Hitlers ‛Privatarmee’?
Wie vereinbart er nationalsozialistische Weltanschauung
und Homosexualität?
Weshalb ließ Adolf Hitler – nach anderthalb Jahren an der
Macht – im Frühsommer 1934 den SA-Stabschef ermorden?
Wieso Röhm – und ich?, fragt der Biograf Marohn.
Wer war Ernst Röhm?
 



 


Jüngere Leser könnten fragen: Was war überhaupt ein VEB?
Schon für die erste Generation nach 1989 bleiben der Alltag
wie das Staatsgepräge der DDR ferne Zeit.
Wie lebten Menschen in einem ›Volkseigenen Betrieb‹? Wie
erleben sie den Systemwechsel? Ab 1990 gehört der VEB
WÄLZLAGERWERK (Leipzig) zum FAG-Konzern (Schweinfurt).
Diese Übernahme endet 1993 im Konkurs.
Um ihr Werk zu retten, besetzen es die Beschäftigten. Nun
gründen engagierte Ingenieure eine GmbH, die bis heute
besteht. Davon erzählen Leipziger Betriebsangehörige
wie aus Schweinfurt entsandte Manager, Vertreter der
IG Metall wie der Konkursverwalter und Leipzigs damaliger
Oberbürgermeister – verbunden mit Hunderten persönlichen
Schicksalen, die für viele stehen: für eine kollektive Biografie.



 


Anfang der 1920er Jahre ist er es, dessen Name in Deutschland für Revolution steht: MAX HOELZ.
Landarbeiterkind, Kinoerklärer, kriegselend, lernbegierig: Sein Lebenstraum reicht nicht vom Tellerwäscher zum Millionär – er bekämpft Millionäre.
Sein Gerechtigkeitssinn bleibt nicht beim Mitleid stehen: Er schafft im Vogtland ein ›Gerechtigkeitsregime‹, er treibt den mitteldeutschen Aufstand voran, er wird von Berlin bis Moskau bekannt
– von seinen Zeitgenossen geliebt, verehrt oder schroff verdammt.
Was tut ein Unruhestifter, der die bestehende Gesellschaft für verfehlt hält? Hoelz sucht Verbündete. Bald entscheidet er sich für die Kommunistische Partei. Doch ist in der KPD selbst klar, welche Linie sie vorgibt, von wem sie dirigiert wird?
Max Hoelz, vor 125 Jahren geboren, im sowjetischen Exil bei einem ›Bootsunfall‹ gestorben, im bürgerlichen Deutschland vergessen gemacht – die Biografie eines Revolutionärs, der nur eine Richtung kennt: Vorwärts!

GESCHICHTE VOM ANDERN. Variationen.
GEGNER. Endlich bleibt ein Rest: Ganz Unbeherrschte, Unbeherrschbare, die innerhalb des Systems nicht zu bändigen sind, die muss man totschlagen.
DIE ANGST VORM ANDERN - politisch getränkt - wurde die Grundangst der DDR, sozusagen ihr Bewusstsein.
Die TREUHANDANSTALT - kapitalistisches LEHRSTÜCK: Tatsachen, Vorgänge, zu denen Berichte und Dokumente seit langem veröffentlicht sind. Das eben ist der Skandal.
WEN ZITATE ÜBERFÜHREN. Im Rückblick auf Europa, von den USA aus, treten Wechselwirkungen ans Licht: Geschäft als Leidenschaft. Politik und Verbrechen. Täter und Tote.

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